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08.08.2019, 10:21 Uhr

Arbeitspapier zum Mittelstands-DIALOG

99,9 % der Unternehmen im Kreis Coesfeld sind im Mittelstand angesiedelt. Durch die breit aufgestellte Branchenvielfalt ist der Wirtschaftsstandort insgesamt relativ immun gegen Marktschwankungen.

Als klassische Familienunternehmen planen sie langfristig und nachhaltig, setzen nicht auf kurzfristige Trends und stellen im Gegensatz zu Großunternehmen kurzfristiges Gewinnstreben nicht in den Vordergrund ihres wirtschaftlichen Handelns.

 

Als Arbeitgeber sorgt der Mittelstand für etwa 85 % aller Arbeitsplätze und ist verantwortlich für 90 % aller Ausbildungsplätze und wird so in besonderem Maße seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht.

In allen Regionen, im speziellen im ländlichen Raum, ist er stark verwurzelt und setzt sich für die Gesellschaft im Ganzen ein. Seine überdurchschnittliche positive Entwicklung erreicht er durch Ideenreichtum und Innovation. Durch offene Kommunikation sorgt er für faires Miteinander zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, ein wichtiger Baustein für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Eine zunehmende Fokussierung der Politik auf die Großindustrie hat sich über viele Branchen hinweg in den vergangenen Jahren als nicht zielführend erwiesen. Zunehmende Regulierung ist wohl von Großunternehmen zu schultern, überfordert aber den weniger verwaltungsorientierten Mittelstand. Dadurch geht die Flexibilität verloren auf Problemstellungen schnell zu reagieren. Der Verlust an Individualität ist hierbei das Ergebnis.

Viele kommunale Probleme wurden in der Vergangenheit durch Investitionsbereitschaft von Unternehmen behoben. Die Vielzahl an Gesetzen und behördlichen Vorgaben schränken diese Bereitschaft deutlich ein. Angedachte und verabschiedete gesetzliche Erleichterungen durch den Gesetzgeber werden nur unzureichend umgesetzt.

Eine Industriestrategie, welche darauf beruht die strategischen Versäumnisse der Großindustrie durch staatliche Unterstützung quasi auch noch zu belohnen, geht in der vorliegenden Fassung der „Nationalen Industriestrategie 2030“ zu Lasten des Mittelstandes.

Der nachfolgende Forderungskatalog baut jedoch auf die Innovationsfähigkeit und den Ideenreichtum des Mittelstandes. Die sogenannten „Hidden Champions“ sind im Mittelstand angesiedelt und haben aus unternehmerischer Weitsicht heraus diese Position erreicht. Dies gilt es zu fördern und nicht durch die bestehende Gesetzgebung weiterhin zu erschweren.

Mit Blick auf die Zukunft stellen sich neue Herausforderungen, welche durch die Großindustrie nicht realisierbar sind. Durch neue Fertigungstechnologien wird die schnelle und flexible Produktion in kleineren Einheiten, ab Stückgröße 1, einen immer höher werdenden Stellenwert einnehmen. Mit dezentraler Produktion von kleinen Einheiten agiert der Mittelstand in schnellen und flexiblen einzelnen Unternehmen in stabilen Netzwerken. Somit bleiben Individualität und Innovationsfähigkeit der mittelständischen Marktteilnehmer erhalten. Durch die bedarfsgerechte, ressourcenschonende und effiziente Produktion leisten diese Unternehmen, welche durch den geringeren Energiebedarf leichter durch vor Ort gewonnene erneuerbare Energien versorgt werden, auch einen erheblichen Anteil am Klima- und Umweltschutz.

Die nachfolgenden Punkte sind das Ergebnis des ersten Mittelstands-DIALOG vom 24.07.2019 und stellen die Grundlage für eine Veränderung der Mittelstandspolitik dar.

Forderungen aus dem Dialog:

-      Start eines Mittelstands-DIALOG zur kurzfristigen Entwicklung und Umsetzung einer Mittelstandsstrategie unter direkter Einbindung von aktiven Wirtschaftsteilnehmern sowie kommunalen Wirtschaftsverbänden aus dem Mittelstand (inkl. KMU) mit finanzieller Anerkennung der geleisteten Arbeit.

-      Herausheben der Leistungsfähigkeit sowie der gesellschaftlichen Verantwortung und Bedeutung des Mittelstandes durch das Anstoßen einer zielgerichteten Debatte

-      Erleichterung des Zuganges zu Kapital durch

o   schnelle und unkomplizierte Beantragung, Bewilligung und Abwicklung von Fördermitteln

o   Risikokapitalgeber (aktuell nicht gegeben)

o   Abbau von Hürden, wie z.B. Eigenkapitalanteil bei Förderungen

o   Förderprogramme auch für bestehende Unternehmen schaffen, z.B. für Innovation und Unternehmensnachfolge

-      Erleichterung der behördlichen Abwicklungen durch die Installation von „One-Stop-Shops“

o   Anlaufstelle für Gründer und bestehende Unternehmen für alle Belange

o   Bei mehreren beteiligten behördlichen Stellen ist nur ein Antrag notwendig

-      Beschleunigung von Genehmigungsverfahren (Innovationsbremse)

o   z.B. Bauanträge

o   Förderungen

o   Arbeitserlaubnis bei Migranten

-      Echter Abbau von Bürokratie

o   Deutliche Verschlankung der Abwicklung von behördlichen Vorgängen durch Reduzierung der Vorschriften

o   Klare Unterscheidung zwischen Großindustrie und Mittelstand

o   Steuersystem vereinfachen

o   Reduzierung der Häufigkeit von Überprüfungen

o   Schnelle Umsetzung bei Gesetzeserleichterungen ohne monatelanges oder sogar jahrelanges Verhandeln durch den Gesetzgeber

o   Kurzfristige Umsetzung von bereits bestehenden Gesetzen zum Bürokratieabbau, mit laufender Kontrolle zur Realisierung

-      Kommunen und Behörden mehr Freiheiten bei Entscheidungen geben und unterstützen

o   Entscheidungen zugunsten des Antragstellers treffen - besser eine Fehlentscheidung treffen als 100 Vorhaben zu blockieren

o   Schnelle Planungssicherheit

-      Erarbeitung von umsetzbaren Lösungen zur Gewinnung von ausländischen Fachkräften

o   Erleichterung für den Zugang zum Arbeitsmarkt

o   Hürden abbauen durch Anerkennung bestehender Qualifikationen

-      Bildungssystem zielgerichteter und bedarfsgerechter gestalten

o   Anpassung und Ausbau der bestehenden fachbezogenen Bildungsmöglichkeiten

o   Reduzierung der pauschalisierten Bildung auf Bedarfsgröße

o   Stärkere Fokussierung auf mittelständische Wirtschaft im Bildungssystem mit Förderung von mehr Verantwortungsbereitschaft und unternehmerischem Denken


-      Schneller und unkomplizierter Ausbau der Infrastruktur

o   Glasfaserausbau als rechtlichen Anspruch (ohne Eigenbeteiligung)

o   Beschleunigter Ausbau der leistungsgerechten digitalen Infrastruktur auch im Mobilfunk

o   Förderung der Mobilität für Arbeitnehmer durch Entwicklung von bedarfsgerechten Verkehren, speziell im ländlichen Raum

o   Schnelle Umsetzung zur Verbesserung von bestehenden Verkehrswegen

o   Einfacher und schneller Zugang zu Gewerbeflächen um Wachstum zu ermöglichen

-      Bei Versäumnissen der Großindustrie keine allgemein gültigen Gesetze erlassen, welche für 0,25% der Wirtschaftsteilnehmer gedacht sind

-      Weltwirtschaftliche Zusammenhänge auch unter Einbeziehung von Auswirkungen auf unsere mittelständische Kultur betrachten

-      Motivation zur Einreichung und Unterstützung bei der Sicherung von nationalen und internationalen Schutzrechten. Gerade kleine mittelständische Unternehmen (KMU) haben hierin keinerlei Erfahrung und werden durch nicht gesicherte Schutzrechte ihrer erbrachten Innovationsleistung von anderen Marktteilnehmern durch Kopie und Sicherung derer Rechte gerne übervorteilt.

-      Öffentliche Ausschreibungen wieder in attraktive Form für den Mittelstand bringen

o   Kein wiederholtes mehrfaches Einreichen von z.B. Handelsregisterauszügen, Unbedenklichkeitsbescheinigungen und Zertifizierungen

o   Einmalige Registrierung über eine Stelle genügt

-      „Kultur des Scheiterns“ zulassen

o   Anerkennung von unternehmerischen Leistungen auch bei gescheiterten Vorhaben und dadurch den Erhalt an gewonnenen Erfahrungen und Know-How gewährleisten

o   Durch höhere Akzeptanz und Toleranz ergibt sich höhere Risikobereitschaft

o   Erneute Gründung durch negative Einträge in Schufa und Creditreform so gut wie ausgeschlossen

o   Reduzierung des persönlichen Risikos bei Neugründungen und Nachfolgeregelungen

-      Stärkung von ländlichen Kommunen u.a. durch

o   Erleichterungen bei der Ausweisung von Flächen für die Wohnbebauung

o   Erhalt und Ausbau der Gesundheitsversorgung

Diese aufgeführten ersten Maßnahmen geben einen ersten Überblick über einige Bedürfnisse zur Stützung des breit gefächerten Mittelstandes. Die Umsetzung der aufgezeigten Punkte geben mehr Freiraum und Entfaltungsmöglichkeiten für eine Stabilisierung der Wirtschaft mit nachhaltigem Wachstum und steigendem Wohlstand für die Gesellschaft im Ganzen.

Rainer Betz

für den MIT Kreisverband Coesfeld in Gemeinschaft mit dem DIALOGKREIS der mittelständischen Wirtschaft.